Die letzte Minute von Joseph Monroe

Die letzte Minute von Joseph Monroe

Es beginnt.

60

Die Menschen unter mir tanzen zwischen Euphorie und Wahn.

59

Ein neues Jahrtausend beginnt und ich werde endlich Ruhe finden.

58

Als ich geboren wurde, starb meine Mutter im Kindsbett und mir wurde prophezeit: „Er wird tausend Jahre leben.“

57

Geboren in der Sekunde zwischen zwei Millennien, werde ich nun im gleichen Moment tausend Sekunden später von dieser Welt gehen.

56

Die Menge johlt und kreischt und ich weiß nicht, was ich empfinden soll.

55

Viele würden wohl Angst erwarten.

54

Aber ich kenne den Tod.

53

Seit meinem siebzehnten Lebensjahr vergeht kaum ein Jahr, ohne dass er versucht mich zu holen.

52

Aber ich fand immer einen Weg zurück.

51

Es wird Zeit, dass dem nicht mehr so ist.

51

Wenn man den Zeitpunkt seines Endes kennt, dann hat man genug Zeit sich zu verabschieden.

50

Dann fällt es einem irgendwann nicht mehr schwer.

49

Der Abschied von Menschen vielleicht, aber ich habe nicht ohne Grund das letzte Jahr über ein einsames Leben geführt.

48

So geht alles leichter.

47

Meine Gedanken schweifen für einen Moment durch die Zeit und ich denke an jene zurück, die ich einst wirklich geliebt habe.

46

Katharina, meine erste Frau, die kannte, bevor ich wusste, welches Schicksal mich erwartet.

45

Die verstoßen wurde, nachdem ich einem schweren Fieber nicht erlag und man sie bezichtigte dahinter zu stecken.

44

Du wolltest mit mir auf Wanderschaft gehen, aber es war dir nicht lange vergönnt.

43

Raoul, der nur für wenige Moment in meinem Leben war.

42

Dennoch: keinen hab ich mehr geliebt als dich.

41

Wegen niemandem mehr getrauert.

40

Camille, niemals war jemand länger an meiner Seite als du.

39

Es war schmerzvoll dich altern zu sehen und wie sehr ich mir doch damals wünschte, dass die Zeit auch an mir fräße.

38

Hätte es nur die geringste Möglichkeit gegeben euch an meinem Zustand teilhaben zu lassen.

37

Ich hätte es getan.

36

Doch nie habe ich erfahren, was mich am Leben hielt.

35

War es wirklich nur der schiere Wille am Leben zu bleiben, wie es Camille einst mutmaßte?

34

Das nicht zu wissen, niemals zu wissen, ist eines der wenigen Dinge, die ich bereue.

33

Eine der wenigen, tatsächlich verpassten Chancen.

32

Ansonsten gibt es nicht viele.

31

Ich habe so viel gesehen, so viel gespürt, so viel erlebt, dass es für hundert Leben reicht.

30

Ich bin gewesen, wer ich sein wollte und wie lange ich er sein wollte.

29

Doch zu welchem Preis?

28

Es ist richtig, ich habe viel erlebt, jedoch auch viele Leichen auf meinem Weg hinterlassen.

27

Mein Geheimnis musste bewahrt werden, notfalls mit Gewalt.

26

Oft muss ich fliehen und jene die mir zu Seite standen mussten letztendlich leiden.

25

Nie werde ich den Moment im Graben vergessen, als wir die gelben Dämpfe näherkommen sahen.

24

Ich hätte keine Maske gebraucht, hätte keine Maske nehmen sollen.

23

Stattdessen musste ein weiterer junger Hurrapatriot sinnlos qualvoll sterben.

22

Ich habe versucht Buße zu tun.

21

Aber ist das überhaupt bei so vielen Sünden noch möglich?

20

Camille würde sagen ja.

19

Raoul würde nie die Notwendigkeit für eine Beichte sehen.

18

Katharina würde mich verstoßen.

17

Ich muss lächeln, bei dem Gedanken sie alle vielleicht wieder zu sehen.

16

Und auch bei dem Gedanken, mich nie wieder schuldig fühlen zu müssen.

15

Schuldig, dafür dass ich Leben darf und andere sterben müssen.

14

Der Countdown neigt sich dem Ende zu.

13

Die Anspannung steigt.

12

Viele haben Angst, dass die Systeme den Wechsel der Millennien nicht verkraften können.

11

Dass alle Errungenschaften des zwanzigsten Jahrhunderts verloren gehen werden.

10

Aber ich habe den Aufbau der heutigen Gesellschaft miterlebt.

09

Ich weiß, dass nichts sie zu Fall bringen kann, außer der Mensch selbst.

08

Und selbst wenn, vor tausend Jahren hat es auch funktioniert.

07

Und es ist erschreckend, wie wenig sich der Mensch in Entscheidenden Punkten nicht verändert hat.

06

Nein, niemand braucht Angst zu haben.

05

Auch ich nicht.

04

Gleich ist es vorbei.

03

Ich atme tief ein, inhaliere noch ein letztes Mal die Schönheit dieser Welt, dieses Lebens.

02

Werfe einen letzten Blick auf den leuchtenden Ball, kurz bevor er endgültig fällt.

01
Das Millennium macht sich bereit zu springen.

00

Ich tue es ihm gleich.

Advertisements
Die letzte Minute von Joseph Monroe

Mama, erzähl mir was vom Schwulsein

Mama, erzähl mir was vom Schwulsein

Schwuchtel ist ein tolles Wort. Ich mag seinen Klang. Und seine Bedeutung ist mir egal, auch wenn es damit viele verletzt. Was ich hingegen gar nicht leiden kann, ist das Wort “schwul” in synonymen Gebrauch für die Bedeutung “schlecht”.

Aber was bedeutet schwul überhaupt?

Für mich ist es zu aller erst ein Teil von mir. “Hallo mein Name ist. Ach übrigens, ich bin schwul” war für ein paar Monate die übliche Formel, wenn ich in meinem Bekanntenkreis jemand neues kennenlernte. Ich wusste gar nicht, warum das immer gleich am Anfang rausmusste und nach dem Ende dieser “Phase” war mir das dann immer peinlich.

Heute bin ich darüber hinweg (über die Phase und das Schämen). Heute weiß ich aber auch, dass meine Homosexualität genau das ist. Meine. Und weil sie mir gehört, weil sie zu mir gehört, war und ist es mir wichtig die Menschen genau das wissen zu lassen. Mit siebzehn gab es noch keine andere Möglichkeit, als das einfach herauszuschreien. Heute geht das etwas subtiler, in dem ich beispielsweise schnellst möglich in ein Gespräch einfließen lasse, dass ich einen Freund habe. Ich gebe zu, manchmal – z.B. bei meinem Arbeitgeber – ist, bzw. war mir ein solches “Coming Out” noch unangenehm. Ich kann nicht genau sagen, warum das so ist, aber ich vermute ich habe noch immer Angst vor Ablehnung.

Noch so eine Bedeutung des Wortes “schwul”. Angst. Vielleicht nur subtil. Vielleicht auch nur eingebildet, aber immer irgendwie da: Angst vor Ablehnung. Angst vor Ungleichbehandlung. Angst vor Gewalt.

Mein Schwulsein bedeutet, dass mein Freund immer drei Mal darüber nachdenkt, ob er mich in der Öffentlichkeit küsst oder meine ihm hingestreckte Hand ergreift. Hin und wieder verletzt mich das. Manchmal mache ich ihm deswegen Vorwürfe. Aber eigentlich verstehe ich ihn ja. Aber ich habe mir vorgenommen mein Leben nicht mehr von Angst bestimmen zu lassen. Oder zumindest nicht mehr von dieser Angst.

Schwulsein bedeutet aber auch anders sein. Vielleicht sogar “freier” sein. Wenn ich schon in so etwas fundamentalen wie der Sexualität nicht konform bin, warum sollte ich es dann wo anders sein. Aber ich habe das Gefühl von einem Homosexuellen wird auch gar nicht erwartet “normal” zu sein.

“Hach, ihr Homos seid heute ja wieder herrlich unangepasst”

Nicht falsch verstehen. Dieser Gedankengang ist in vielerlei Hinsicht furchtbar dämlich. Trifft auf mich aber auch oft zu. Ich bin schwul und (deswegen) anders. Selbstverständlich ist die Erwartungshaltung “anders” zu sein nur wieder ein anderes Maß mit dem ich konform gehen soll. Klischees und Stereotypen diesbezüglich gibt es zu Hauf.

Aber noch nicht mal das tue ich. Ich bin eben andersanders.

Schwul steht aber auch dafür zum Kampf bereit zu sein. Zum Kampf gegen Diskriminierung. Zum Kampf gegen hunderttausend Franzosen, die der Meinung sind, gegen die „Ehe für alle“ auf die Straße gehen zu müssen (was natürlich ganz klar ihr Recht ist; gut finden muss ich das trotzdem nicht). Aber auch gegen den öffentlich Dialog über diese Thematik, in dessen Rahmen es mittlerweile ok geworden ist, einfach vor alles das Wort „Homo“ zu setzen, wenn man über Schwule und Lesben redet. Ich will aber keine „Homo-Ehe“, ich will eine Ehe. Ich habe auch keinen „schwulen Sex“, sondern ich habe Sex. Ich bin vielleicht schwul, das macht mich aber nicht zum Homo Homo Sapiens (Sapiens)!

Es ist immer wieder ein Kampf gegen nicht enden wollende Idiotie. Gegen die Vorurteile und Ansichten meiner Mitmenschen und deren Wirken, seien sie sich nun dessen bewusst oder nicht. Seitdem ich offen mit seiner Sexualität umgehe, war ich, wieder und wieder, mit Blödsinn konfrontiert:

Seien es dumme schwulen Witze und klischeebeladene Kommentare von Freunden, die es eigentlich besser wissen müssten; der Türsteher eines Hostels, der mich und mein Date wegschickt, weil wir uns vor dem Hostel – indem ich gewohnt habe – küssten (und damit den „Weg blockieren“); oder all die vielen Gesichter im Fernsehen, die darüber reden, dass ich „nicht normal“ sei, Teil einer „schrillen Minderheit“, schädlich für ein Kind und die Gesellschaft und sowieso eklig.

Auch das heißt schwul. Dieses Gefühlskonvolut, dieser Mix aus Wut, Schmerz, Aggression, Hass gegen mich selbst und gegen andere. Die Reflektion all dieses Geifers, der jenen Menschen die Kinnlade herunterfließt und brennt, als wäre es Säure.

Manchmal fühlt sich Schwulsein an wie die Blitznarbe von Harry Potter. Ja sie zeichnet ihn aus, macht ihm zu etwas besonderem, warnt ihm vor dem Bösen, aber sie belastet ihn auch, zeichnet ihn, ist ein Stigma.

Schwul, das bedeutet auch Zweifel. Denn sicherlich hätte ich auch vieles leichter, wenn ich heterosexuell veranlagt wäre. Aber dann wäre ich nicht der, der ich heute bin. Und auf alles runterreduziert, auf den kleinsten Nenner heruntergeschält, mag ich mich. Und ich mag es schwul zu sein. Ich mag meinen Freund (sehr sogar). Und ich werde es mögen ihn zu (Homo-)heiraten, auch wenn der Staat und die Gesellschaft mir sagen: „Das ist doch gar keine richtige Ehe!“ Für mich ist es das. Und wenn es sein muss, dann kämpfe ich auch dafür, bis nichts mehr von mir oder dieser verkrusteten Gesellschaft übrig ist.

Und irgendwann wird es dann soweit sein, dass schwul auch gleichwertig heißen wird.

Schwul kann eben auch optimistisch bedeuten.

Mama, erzähl mir was vom Schwulsein

Der traurige Clown

Der traurige Clown

Mir wurde einmal ein Witz erzählt, der mich erst sehr traurig und danach sehr wütend gemacht hat. Aber ich kann mich nicht mehr an ihn erinnern. Generell fehlt mir vieles, das ich eigentlich wissen sollte.

Ich laufe durch die Welt und alles fühlt sich irgendwie so an, als wäre es in Plastikfolie eingepackt. Drei Monate ist das jetzt schon so. Alles ist so unecht. Jedes Gefühl ist gedämpft, als müssten sie sich durch dicke Watteschichten kämpfen. Ich vermisse es vor Lachen auf dem Boden zu liegen und nach Luft zu schnappen. Doch am meisten vermisse ich manchmal die Traurigkeit. Sie war es, die alles real machte.

Der erste Schultag macht mir keine Angst, aber ich will das wirklich nicht durchstehen müssen. Auf meinen Wunsch ist es eine neue Schule, aber mir ist bewusst, dass mir mein Ruf längst vorausgeeilt ist.

Ich finde meinen Weg ins Sekretariat und melde mich an. Man sagt mir, ich sei fünf Minuten zu spät und bringt mich zu meiner ersten Unterrichtsstunde. Ich werde in den Unterrichtsraum bugsiert und fühle mich für einen Moment wie eine Sklavin, die im Kolleseum den Löwen vorgeworfen wird.

„Hallo mein Name ist Maria und ich habe versucht mich umzubringen.“

Ich spiele mit dem Gedanken meine Ärmel hochzuziehen und ihnen meine Narben zu zeige. Hebe mir das aber für später auf. Die kurze Schockstarre des Lehrers ausnutzend setze ich mich auf einen freien Platz und ab diesem Moment wahre ich den Schein von Normalität. Ich beteilige mich. Zwinge mich zu lachen. Fange an mich zu unterhalten.

Dann höre ich wieder den Witz. Er wird nicht mir erzählt, aber ich kann trotzdem zuhören:

Kommt ein Mann zum Arzt und sagt diesem:

„Herr Doktor, sie müssen mir unbedingt helfen. Ich kann meinen Job nicht mehr ausführen, so schlecht geht es mir. Alles macht mich traurig.“

Der Arzt schaut den Mann genau an. Er überlegt. Und schließlich sagt er:

„Versuchen sie es damit: Im Moment ist ein Zirkus in der Stadt. Dort arbeitet der berühmte Clown Beppo. Der bringt noch jeden zum Lachen.“

Da fängt der Mann bitterlich an zu weinen. „Herr Doktor. Ich bin Beppo der Clown.“

Es wird gelacht. Geschmunzelt. Oder verständnislos geguckt. Und ich frage mich, wie alle so grausam sein können und mit dem Clown kein Mitleid haben. Die Tragik dieser Vorstellung eines traurigen Clowns macht mich zutiefst traurig.

Ich möchte weinen. Doch es geht nicht.

Und ich fühle mich in mir fremd.

Der traurige Clown

Gott liebt mich

Gott liebt mich

– Ein Fragment aus Erinnerungen –

In wenigen Momenten bin ich tot, dass weiß ich jetzt. Da ist nichts zu rütteln. Mein ganzer Körper zittert. Meine aufgeschürften Knie brennen. Ich glaube die letzten Tritte haben ein paar Rippen angeknackst. Übelkeit macht sich breit. Der Geruch von Benzin sticht durch meinen ganzen Körper. Ich will nicht sterben, doch ein anderes Ende als dieses wird es nicht geben. Das zu akzeptieren fällt schwer, wenn einem nur so wenig Zeit bleibt. Schon trifft der erste Benzinschwall mich. Durchnässt meine Kleidung. Meine Haare. Tränen steigen erneut in meine Augen, als ich mich aufgrund des Gestankes endgültig erbrechen muss.

Vor ein paar Tagen war ich fast glücklich. Klar, die Umstände waren suboptimal. Aber nach fast achtzehn Jahren der Diktatur einer verkrusteten Familie schien die Flucht nach vorn so nah. So real. Pustekuchen.

Meine erste schwule Erinnerung hatte ich mit sechs Jahren. Ich wusste damals nicht, was es war oder wie ich es einzuordnen hatte. Begriffe wie Liebe waren nur hohle Phrasen. Da gab es diesen Jungen. Ich weiß seinen Namen nicht mehr. Er hatte blondes Haar und war etwas größer als ich. Er schien mich zu mögen und ich fragte mich – nur für eine winzige Sekunde -, ob  ich mich auch in ihn verlieben könnte.

Schwul oder homosexuell waren damals keine Kategorien für mich. Generell lernte ich erst spät was es bedeutete eine Sexualität zu haben. Für mich gab es lange Zeit nur Gott. Und die Sünde des Fleisches. Und als es dann die ersten Träume gab, mir der Anblick eines nackten Mannes im Schwimmbad die Schamröte ins Gesicht trieb und mir irgendwie unbewusst klar wurde, dass all diese Gedanken doch anders sein sollten, da suchte ich mein Heil im Gebet.

„Herr der du bist im Himmel, helfe mir nicht so zu sein. Helfe mir nicht anders zu sein. Helfe mir, keusch zu sein. Helfe mir gut zu sein. Amen.“

Erst viele Jahre später wurde mir dank des Biologieunterrichtes bewusst, dass Lust normal war. Diese Erkenntnis trieb mich in eine erste Sinnkrise, denn ich stellte mir die Frage, wieso Gott von mir Keuschheit verlangt, aber zugleich unsere Körper so geschaffen hat, dass in ihnen selbst die Quelle der Verführung liegt.

„Herr, der du bist im Himmel. Hilf mir der Verführung zu widerstehen. Hilf mir die Wahrheit zu finden. Hilf mir zu dir zu dienen. Amen.“

Es dauerte nach all diesen Überlegungen nicht mehr lange und es kam zu jenem Moment in der Bibliothek. Ich saß an dem öffentlichen Computer und tippte mit zittriger Hand – die nervöse Angst beobachtet zu werden hinter mir – das Wort „schwul“ in die Suchmaschine. Das was ich dann sah, war der Schlüssel für die letzten Jahre. Für alles seit jenem Moment mit sechs Jahren. Doch damit wuchs auch der Zweifel an dem, was mich die Religion lehrte.

„Herr, der du bist im Himmel, bitte sage mir: Liebst du mich?“

Ohne eine Antwort auf diese Frage versuchte ich mein Leben zu leben, sodass sich langsam die Akzeptanz durchsetzte. Ich war schwul. Und jetzt?

Ich verbrachte mehr Zeit in der Bibliothek, um darüber zu lesen. Ich suchte nach einem Weg mein Sein vor meiner Religion zu rechtfertigen. Ich experimentierte mit Masturbation, was meine Schuld und meinen Scham zu neuen Höhen trieb. Ich kanzelte mich von meiner Familie ab, da mir deren Position zu meiner Existenz bewusst war und schon damals schmerzte. Doch all die aufgesaugte Information. All die Überlegungen. All die Rechtfertigungen. Nichts machte mich glücklich. Und mein Geheimnis drohte mich wahnsinnig zu machen.

Ich war sechzehn als ich mich traute nach anderen Schwulen zu suchen und mich mein Weg in einen schwulen Buchladen führte. Dort traf ich Eren. Ein paar Jahre älter als ich und einst in der selben Situation, erkannte er sofort wie es um mich bestellt war.

Ab diesem Moment wurde Eren mein Freund. Mentor. Beschützer. Und ich verliebte mich fast sofort in ihn. Er spürte vielleicht eine gewisse Lust für mich. Hielt sich aber zurück. Erst nach einiger Zeit gelang es mir mit Hilfe von Wein ihn einmal zu verführen. Der Moment war magisch. Seine Berührungen und Lippen an Stellen, welche selbst mir quasi unbekannt waren. Dinge an ihm zu tun, die ich mir bisher kaum erträumt hatte. Der Geschmack von Nikotin im Mund nach dem ersten – meinem ersten – Kuss. Danach passierte nie wieder etwas, auch wenn ich es mir wünschte. Und oft versuchte.

Einmal erlebte ich wie Eren aufgrund seiner Herkunft von Rechten angegriffen wurde. Ich war wie gelähmt. Konnte vor Angst nichts tun und hoffte Eren würde endlich liegen bleiben. Doch er stand wieder und wieder auf. Später sagte er zu mir: „Man kann dir alles gegen deinen Willen nehmen. Außer deinen Stolz.“

Stolz.

Seine Worte in den Ohren spucke ich die letzten Rest Kotze aus und erhebe mich mühsam. Dabei trifft mich ein Benzinschwall im Gesicht und es kostet mich viel, die wiederkehrende Übelkeit zu unterdrücken. Immer noch zitternd blicke ich meinem Vater, meinem Onkel, meinem Nachbarn ins Gesicht.

Ich weiß nicht woher sie es erfahren haben und war auf die Konfrontation nicht gefasst. Ohne Vorwarnung wurde ich gefragt, ob ich schwul sei. Und obwohl mein erster Impuls es war, zu lügen, sagte ich dennoch die Wahrheit. Ich war das Verheimlichen einfach satt. Nur knapp entkam ich in diesem Moment der Wut meines Vaters und flüchtete mich zu Eren, der Erfahrung darin hatte, verstoßen zu werden.

Es dauere nicht mehr lange bis zu meinem achtzehnten Geburtstag, sagte er mir. Dann wäre ich frei. Bis dahin könne ich bei ihm wohnen.

Alles schien gut.

Doch sie kriegten mich kaum eine Woche später. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, woher dieser Hass kommt. Hab ich nicht versucht ein guter Junge zu sein? Ist diese eine „Verfehlung“ wirklich so schlimm? Das ist es, was ich wirklich gerne noch verstehen würde.

Sie schleppten mich – durch mehrfache Prügel geschwächt – in den Wald. Erst verstand ich nicht, was sie tun wollten. Als ich es realisierte packte mich die Angst.

Ich stehe jetzt vor ihnen, während sie etwas besprechen. Ich überlege ob ich rennen soll. Doch dafür bin ich zu schwach. Und vor Angst zu sehr gelähmt. Ich will nur noch, dass es vorbei geht. Es vergehen noch mehrere Sekunden. Dann kommen sie auf mich zu. Und in dem Moment, wo das Feuerzeug geworfen wird, ist die Angst, der Schmerz, der Schrecken, all das ist plötzlich verschwunden.

Und ich weiß: Gott liebt mich.

Gott liebt mich

Das rote Kleid

Das rote Kleid

Er betritt das Kaufhaus und im gleichen Moment überkommt ihn eine ihn zu übermannen drohende Unsicherheit. Nervös schaut er sich um und spürt wie die üblichen Gedanke in ihm hochkommen: „Sie wissen genau was ich denke. Die Wissen was ich bin.“

Menschenansammlungen. Keine gute Idee.

Wieder in seiner Wohnung angekommen, zieht er sich aus und lässt den Schweiß dieser Tortur trocknen. Er entscheidet sich gegen das Duschen und betrachtet noch einmal das gekaufte Geschenk. „Du hättest dir mehr Zeit lassen sollen“, hört er sich in seinen Gedanken schimpfen. „Jetzt hast du das falsche ausgesucht.“

Der Gedanke, nicht wieder vor die Tür zu müssen, beruhigt ihn. Dennoch schüttet er sich Schnaps in sein Glas. Beruhigung. Wenn auch nur zum Schein. Langsam flutet die Altbekannte Wärme seine Blutbahnen und für einen kurzen Moment fühlt er sich so, als würde alles gut werden. Doch dabei bleibt es nicht. Bleibt es nie und immer wieder fühlt er sich dazu gezwungen die gewonnene Ruhe mit mehr und mehr Alkohol aufrecht zu er halten.

Sein Körper fängt an sich zu wehren und zwei Mal muss er sich übergeben. Er hasst dieses Gefühl, dieses am Boden Liegen, diese niedrigste Form der Existenz, welche ihm noch bleibt. „Wenigstens spüre ich nichts mehr“, denkt er sich, bevor er das Bewusstsein verliert.

Er wacht in seinem Bett auf. Nicht wissend, wie er dorthin gekommen ist, dreht er sich auf die Seite, um auf die Uhr zu sehen. Frustriert stellt er fest, dass es noch mitten in der Nacht ist. Von Schwindel und Kopfschmerzen geplagt, erhebt er sich mühsam, um das verschwitzte Laken zu wechseln. Danach schleppt er sich in die Küche, um sich dazu zu zwingen, etwas zu trinken, auch wenn er Angst hat sich wieder übergeben zu müssen.

Dabei fällt sein Blick auf seinen Laptop. Er bleibt stehen und spürt ein Zucken seines Gliedes. Er weiß, was morgen auf ihn zukommt. Weiß, dass er stark sein möchte. „Einmal kann nicht schaden“, denkt er sich, „Einmal muss erlaubt sein.“

Er setzt sich vor den Laptop und durchsucht die Dateien. Die meisten Videos und Bilder hatte er vor kurzem gelöscht. Aber eines war ganz sicher noch da. Sein Liebling. Sein harmloser Liebling. Er kneift die Augen zusammen, um besser sehen zu können und findet schließlich den gesuchten Namen: Das rote Kleid.

Schon diesen Namen zu lesen erregt ihn.

Er hatte angekündigt etwas früher, vor den anderen Gästen, zu kommen und nicht lange bleiben zu können. Nervös klingelt er und versucht noch einmal tief durchzuatmen, bevor seine Schwester die Tür aufmacht. „Schön dich zu sehen“, murmelt er auf ihre herzliche Begrüßung hin und zwingt sich dazu ihre Umarmung zu erwidern. „Sie ist noch im Bad. Also können wir noch einen Kaffee trinken“, erklärt sie ihm und zerrt ihn in die Küche.

Sie stellt die dampfende Tasse vor ihm ab und beobachtet ihn, während er vorsichtig versucht einen ersten Schluck zu nehmen und sich dabei leicht die Lippen verbrennt. “ Wie geht es dir?“, fragt sie ihn und er glaubt in ihrer Stimme Sorge zu hören. „Die Arbeit schlaucht etwas“, antwortet ihr und zwingt sich zu einem schiefen Lächeln. Er versucht sie glaubhaft von seinem Wohlbefinden zu überzeugen, schafft es jedoch nur bedingt zu verbergen, was die letzten zwei Jahre mit ihm gemacht haben. „Dich beschäftigt doch etwas“, sagt sie mit Bestimmtheit und reißt ihn aus seinen Gedanken. „Seit zwei Jahren vergräbst du dich unter deiner Arbeit. Kommst die Familie nicht mehr besuchen. Wir sehen dich kaum noch. Es vergehen keine zwei Monate und die Kleine fragt danach, wann sie endlich wieder ihren Onkel sehen darf.“ Seine Schwester seufzt schwer und er atmet einmal tief durch und sagt bestimmt: „Ich ertrage mich um Menschen herum nicht mehr.“

Bevor seine Schwester auf diese Aussage eingehen kann, kommt ihr Mann in die Küche, wobei die gemeinsame Tochter – der Star dieses Tages – auf seinen Schultern sitzt. Als das kleine Mädchen ihn am Tisch sitzen sieht, quietscht sie vor Freude und kann gar nicht schnell genug von den Schultern ihres Vaters rutschen, um in die Arme ihres Onkels zu fallen. „Ich freue mich auch, dich zu sehen“, sagt er und streichelt ihr über den Kopf. Und für einen kurzen Moment scheint alles gut.

Wenige Augenblicke später sitzen er und seine Nichte gemeinsam auf dem Boden des Wohnzimmers und er überreicht ihr nervös sein Geschenk für sie. Einen Freudenschrei später liegt das Geschenkpapier in Fetzen vor ihr und mit leuchtenden Augen hält sie einen kleinen, rosa Plüschhasen in den Händen. „Du musst ihm noch einen Namen geben und dann gehört er ganz dir“, sagt er und erkennt zufrieden, dass es offensichtlich eine akzeptable Wahl war.

Ein wenig beruhigt fängt er an sich zu entspannen und spielt für einen kurze Sekunde mit dem Gedanken noch etwas länger als geplant zu bleiben. Vielleicht das Gespräch mit seiner Schwester fortzuführen. Ihr eventuell zu gestehen, dass er Probleme hat. Vielleicht wird so ja alles besser? Und in dem Moment dieses Gedankens scheint eine Last von ihm zu fallen. So lange hat er versucht sich zu isolieren, aber vielleicht war das falsch. Vielleicht will sie ihm ja helfen. Kann ihm sogar helfen. Vielleicht kann er hier sein, hier bei seiner Nichte, und alles ist gut und all seine Angst ist unbegründet.

Er bemerkt, dass er so etwas wie glücklich ist.

Von diesem Glücksmoment angespornt fängt er an mit seiner Nicht zu spielen und lässt seine Versuche eine Distanz aufzubauen hinter sich und ehe er sich versieht, fangen seine Gedanken an in die verschiedensten Richtungen zu rasen. Er fängt an – zunächst kaum wahrnehmbar, aber dann immer lauter und deutlicher – sich vorzustellen, wie seine Nichte in dem roten Kleid aussehen würde und nimmt sich schon vor, ihr ein eben solches bei seinem nächsten Besuch mitzubringen.

Die Übelkeit überkommt ihn bei der Erkenntnis, was er gerade gedacht hat, mit einer solchen Wucht, dass es ihn alle Kraft kostet, sich nicht über den Wohnzimmerteppich seiner Schwester zu erbrechen. Alles in sich haltend begibt er sich ins Badezimmer, um sich in die Badewanne zu übergeben. Seit mehr als zwei Jahren fürchtet er sich schon vor diesem Gedanken. Scham und Ekel steigen in ihm auf und er erbricht sich ein zweites Mal.

Seiner Schwester versichernd, dass es ihm gut geht und er nur etwas Falsches gegessen hat, verlässt er ihr Haus, ohne auch nur seine Nichte noch einmal anzusehen. Ohne Schirm wandert er durch den aufkommenden Regen. Ohne Ziel. Ohne Zweck. Den Blicken von Fremden versucht er zu entgehen, wieder und wieder hämmert ich der Gedanke aus dem Kaufhaus in seinen Verstand: „Die wissen, was du bist!“

Orientierungslos über ein Feld laufend, stolpert er über im Gras nicht zu erkennende Eisenbahnschienen und schreit beim Sturz vor Schmerz. Sich mühsam aufraffend betrachtet er die zerrissene Hose, die aufgeschürften Hände und setzt sich neben die Schienen. „Was tue ich nur?“, fragt er in den Regen hinein, sich bewusst, dass er alles was er jetzt fühlt auch morgen fühlen wird. Nächstes Jahr fühlen wird. Immer fühlen wird.

Dann sieht er das Licht eines sich nähernden Zuges.

Das rote Kleid

Ein Versuch

Systematik des Todes

Wir stehen gemeinsam in der Nähe vom Ufer und warten. Mein Bruder – in Wahrheit Halbbruder – wollte erst nicht kommen. Nicht bei diesem „Wahnsinn“, wie er es nannte, mitmachen. Vor einer Woche ist er dann doch angereist. „Die Angst es irgendwann doch zu bereuen, ist zu groß“, hatte er gesagt und dabei versucht jegliche Emotion aus seiner Stimme zu verbannen.

Obwohl ich nicht rauche, bitte ich ihn um eine Zigarette und schon der erste Atemzug verödet jede freie Nervenbahn meines Rachens, sodass ich husten muss. Mein Bruder lächelt für eine Sekunde.

Mutter hat ihn einst verlassen und er hat es ihr nie verziehen. Darum war auch unsere Bindung nie besonders eng. Lange Zeit kannte ich ihn nur aus ihren Erzählungen. Der große, starke, schlaue Bruder. Das Phantom mit dem ich mich messen musste. Nur dass es nie darum ging ihn zu übertrumpfen. Vielmehr war es so, als ob Mutter ihn aufgrund seiner Perfektion verlassen hatte, um es noch einmal zu probieren und etwas zu kreieren, das einem Versager näher kam. Er war der große, verheiratete Jurist. Ich war der polygamistische Studienabbrecher.

Aber geliebt hatte sie uns beide. Nur vor mir hatte sie weniger Angst.

Die letzten Wochen waren sehr anstrengend gewesen. Vieles musste erledigt werden. Papiere warteten auf Unterschriften. Überweisungsträger auf Ausfüllung. Briefe auf Marken. Wünsche auf Erfüllung. Es war kräftezehrend und wir alle waren danach ausgelaugt. Kaputt. Aber auch befreit, die Systematik des Todes hinter uns gebracht zu haben.

Ich dachte früher immer jemanden plötzlich zu verlieren, sei das Schlimmste. Der schlimmste Tag meines Lebens ist genau davon geprägt. Von dem Gefühl mit aller Gewalt ein Stück des eigenen Herzens herausgerissen zu bekommen. Das schwarze Loch des fehlenden Abschiedes. Die Wut. Das Unverständnis. Ein Spektrum von Gefühlen, die alle gleichzeitig auf einen einprasseln und niederreißen. Furchtbar. Und der Schock sitzt so tief, dass man diesen nie wirklich hinter sich lässt.

Aber jetzt weiß ich es besser. Lieber entgegen aller Erwartungen, unvorbereitet, abschiedslos, aber wissend, dass es ein voller Mensch war, der von dir gegangen ist. Nicht nur eine Hülle, ein Schein der vorherigen Existenz. Ich will nie wieder zuschauen müssen, wie jemand zum Nichts hin konvergiert. Der Gedanke an solch eine Nichtexistenz ist das einzige, was mir wahrhafte Angst bereitet.

In dem Moment dieses Gedankens wird mir auch endlich klar, warum ich so willig war, bei dem allem hier zu helfen. Zu recherchieren, wie weit ich juristisch gehen durfte, bevor meine ohnehin schon hoffnungsarme Zukunft endgültig den Schuss hören würde. Er hatte sich damals geweigert meine Fragen zu beantworten, was dazu führte, dass alles länger gedauert hatte. Das Wissen für die nötige Sicherheit anzusammeln – damit nicht banale Ängste, wie jene vor der staatlichen Reaktion, mir und meinem Handeln im Wege stünden – war mühsamer gewesen, als das Besorgen des notwendigen Werkzeuges. Dafür habe ich lange genug am Rande der Gosse gelebt.

Viele würden sicher mit Unverständnis auf mein Tun reagieren und nicht verstehen, warum ich mein Handeln mit Liebe rechtfertige.

Zuerst dachte ich, mein Ganzes Handeln wäre in Wahrheit für mich. Für meine Befriedigung. Zu beweisen, dass jemand bereit ist, all das zu tun und dadurch die Hoffnung gebären, dass auch einmal jemand das Gleiche für mich tun würde.

Aber mir würde das auch alleine gelingen. Ich bräuchte gar keine Hilfe. Die Angst vor dem Dahinsiechen ist in mir so groß, dass ich mich ohne weiteres in den nächstbesten Tod stürzen würde. Andere sind nicht so stark – oder schwach (vom Blickwinkel abhängig) – wie ich. Und wenn ich doch den gleichen Wunsch in so einem Moment hätte, wie könnte ich dann so grausam sein und nicht bei der Erfüllung assistieren?

Langsam verstreicht die Zeit und ich fange an nervös zu werden. Die Kälte beginnt an mir zu fressen und ich glaube, dies ist nur eine weitere Nacht einer verpassten Chance. Die dritte in Folge. Viele weitere wird es nicht mehr geben, dem bin ich mir sicher. Und was soll dann passieren? Ich sehe mich nicht dazu in der Lage in ein paar Tagen selber aktiv zu handeln. Und meinen Bruder erst recht nicht.

Dann peitscht plötzlich der Knall eines Schusses durch die Nacht und ich zucke zusammen. Erschrecke mich, obwohl dies doch genau jener Moment ist, auf den wir beide die ganze Zeit gewartet haben.

Ich nehme einen letzten, tiefen, mich von innen verbrennenden Zug der Zigarette und schmeiße sie hinter mich. „Leb wohl Mutter“, murmele ich und rufe die Polizei. Dabei höre ich meinen Bruder leise weinen.

Ein Versuch